Pfaffenhofen

Abschlusslesung Lutz-Stipendium 2026

06. August 2026 , 10:50 Uhr

Mit einer eindrucksvollen Abschlusslesung hat Peter Thiers am vergangenen Freitag seinen dreimonatigen Aufenthalt als Lutz-Stipendiat in Pfaffenhofen beendet. Im Rahmen des Kultursommers präsentierte er im Festsaal den während seines Aufenthalts entstandenen „Zwischenfall“-Text und gab dem Publikum zugleich Einblicke in weitere literarische Arbeiten.
Der 1991 geborene Dramatiker Peter Thiers ist in unterschiedlichen Genres tätig und arbeitet derzeit unter anderem als Regisseur am Theater. Er studierte Dramaturgie an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig und der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Für sein Drama „Warten auf Sturm“ wurde er 2019 mit dem Kleist-Förderpreis für neue Dramatik ausgezeichnet. Sein Stück „Paradiesische Bauten“, das mit dem Hamburger Literaturpreis 2020 ausgezeichnet wurde, brachte er in der Spielzeit 2020/21 am Thalia Theater Hamburg in eigener Regie zur Uraufführung. Sein aktuelles Stück „Zähne und Krallen“ ist bereits an mehreren deutschsprachigen Theatern aufgeführt worden.
Der Festakt zur Abschlusslesung wurde vom zweiten Bürgermeister Peter Heinzlmair eröffnet. Kulturreferent Reinhard Haiplik zitierte in seiner Rede kritische Worte der Lutz-Stipendiaten der vorangegangenen Jahre und betonte die Wichtigkeit des Stipendiums: „Das Licht, das aus der Stipendiaten-Wohnung leuchtet, ist für mich ein Symbol des reichen Kulturlebens dieser Stadt. Unsere Lutz-Stipendiaten geben dieser Stadt so viel, auch dann, wenn sie gelegentlich kritisch auf diese Stadt blicken.“ Moderiert wurde die Lesung vom Juryvorsitzenden des Lutz-Stipendiums, Steffen Kopetzky.

Thiers’ Fähigkeit, mit wenigen Protagonisten ein klares und für die Leserschaft leicht vorstellbares Setting zu entwerfen, wurde bereits zu Beginn der Lesung deutlich, als er aus seiner Kurzgeschichte „8-Bit Apokalypse“ (2022) las. Sie handelt von der Nachwendezeit in den Händen eines Jugendlichen und dessen Bezugsperson, seinem Großvater, der seine Freizeit damit verbringt, Super Mario an einer Konsole zu spielen.
In seinem zweiten Text „Die gebückte Haltung des Schauspielers beim Applaus“ nahm Thiers das Publikum mit in die Welt des Theaters, in der er die Abhängigkeit des Kulturbetriebs von externen Sponsoren aus verschiedenen Perspektiven thematisierte. Und auch im Gespräch mit Steffen Kopetzky wurde Thiers’ Leidenschaft für das Theater immer wieder deutlich.
Peter Thiers wählte für seinen Text für Pfaffenhofen eine völlig neue Form als alle bisherigen Stipendiatinnen und Stipendiaten: Mit einer Rede sprach er direkt mit dem Publikum, mit Pfaffenhofen – passend dazu wählte er für seinen Vortrag das städtische, repräsentative Redepult im Festsaal.

Das große Thema seines Textes „Zwischen Fellen und Wänden“, der vom Publikum mehr als wohlwollend aufgenommen wurde, ist Gastfreundschaft – was sie für Gastgeber und Gast bedeutet und welche Auswirkungen sie auf das Miteinander hat. Diese Konstellation bezog Thiers auf sich als Lutz-Stipendiat und Gast im Flaschlturm, auf Pfaffenhofen und seine „Zugezogenen“, aber auch auf das gesamtgesellschaftliche Miteinander.
Mit humorvollem Ton berichtet der Text von Beobachtungen und Erlebnissen in Pfaffenhofen. Ursprünglich wollte Thiers seinen Text einer durch die Stadt streunenden Katze widmen, die dem Gevatter Tod begegnet. Anders als der Brandner Kaspar aus dem Bühnenstück von Joseph Maria Lutz besitzt die Katze keinen Kirschgeist, um den Tod zu überlisten. Dennoch verschont Gevatter Tod sie und nimmt sie mit zum Brandner Kaspar, bei dem sie schließlich zum Brandner Katzl wird. Die ursprüngliche Fassung des Textes von Peter Thiers hätte sich genau darum gedreht, doch während seiner Arbeit wurde er von einer Mauer abgelenkt.

Auf dieser Mauer, die er von seinem Arbeitsplatz im Flachlturm aus sieht, stehen mit Filzstift drei Zahlen geschrieben: 444. In rechtsextremen Kreisen der Code für die Parole „Deutschland den Deutschen“. Hier endet der launige Ton der Rede angesichts dieses Zwischenfalls, „einem Angriff auf die Stadt in der wir leben“, „auf das Haus, in dem wir Gastgeber sind“. Thiers beendet seine Rede darum mit dem Appell, gemeinsam beieinander Gast zu sein, um sich dieses Gefühl für das Miteinander zu bewahren, und mit der Hoffnung, dass uns nie die Farbe ausgehen möge, alle beschmierten Wände ebenso neu zu streichen wie diese eine.
Nach der Lesung trug Peter Thiers sich in das Goldene Buch der Stadt ein. Sein offizieller Auszug aus dem Flaschlturm fand am heutigen Donnerstag statt. Zweiter Bürgermeister Peter Heinzlmair, Kulturreferent Reinhard Haiplik und der Juryvorsitzende des Lutz-Stipendiums Steffen Kopetzky haben den diesjährigen Lutz-Stipendiaten verabschiedet.
Damit endet offiziell der produktive Aufenthalt von Peter Thiers in Pfaffenhofen. Die Förderung ermöglichte ruhiges, intensives Recherchieren und Arbeiten. Ein großer Schreibtisch, ein ruhiger Arbeitsraum, vielfältige Unterstützung sowie die gute Anbindung an weitere Kulturorte machten den Aufenthalt besonders fruchtbar.

Für 2027 plant die Stadt unterstützt von der vierköpfigen Jury um Vorsitzenden Steffen Kopetzky erneut ein Aufenthaltsstipendium, das weiteren literarischen Stimmen Raum für kreatives Arbeiten in Pfaffenhofen bieten soll. Die Bewerbungsphase wird voraussichtlich ab September stattfinden.
Nähere Informationen zum Lutz-Stipendium gibt es unter: pfaffenhofen.de/lutz-stipendium.

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